Kaum angefangen, ist sie schon wieder vorbei. Dieses Jahr bei den Deutschen Jugendeinzelmeisterschaften machte sich eine sehr kleine Delegation aus Schleswig-Holstein auf den Weg nach Willingen. Stark eingeschränkt durch die Corona-Auflagen wurden die Altersklassen in zwei Gruppen aufgeteilt. Anstatt der üblichen 9 wurden nun 7 Runden gespielt, was einigen Spielern sehr missfiel. In der ersten Woche spielten die U14 bis U18. Sie standen unter der Leitung von Birger Pommerenke (Delegationsleiter) und wurden von den beiden Trainern IM Benedict Krause und mir (Julian Rieper) betreut und vorbereitet. 

Von Doppelbauer waren damit 3 Spieler und 1 Trainer vor Ort. 

Keyvan Farokhi und Jonas Rempe traten in der U14 und Janne Rempe in der U18w an. Keyvan konnte mit 4,5 Punkten den achten Platz erzielen. Jonas landete mit vier Punkten auf dem 13ten Platz von insgesamt 45 Teilnehmern. Er hat seinen Setzlistenplatz somit deutlich verbessert. Von beiden eine hervorragende Leistung mit sehr schönen Partien. Janne konnte in der U18w in einem starken Teilnehmerfeld beachtliche 2,5 Punkte holen und landete damit auf dem 19ten Rang.

Obwohl deutlich verkürzt und Corona zum Trotz hatten wir viel Spaß und ein größeres Gemeinschaftsgefühl in unserer Delegation als jemals zuvor. An dieser Stelle möchte ich mich nochmals bei Birger, dem Hotel und der DSJ bedanken, die das in diesen Zeiten und den zahlreichen Auflagen überhaupt erst möglich gemacht haben. 

Doch nun von Anfang an mal meine Eindrücke:

Tag 1 Anreise 

Am Montag ging es los. Mit Koffer und Rucksack schwer bepackt trafen wir uns um 7:45 am Bahnhof in Kiel, um nach Willingen zu fahren. In Hamburg war unsere Delegation dann vollständig. Nachdem alle sich dann mit Brötchen und Getränken versorgt hatten, ging es dann mit 3 Trainern und 6 Spielern und unzähligen Masken weiter nach Kassel. Trotz Corona war der Zug recht voll. Wir konnten uns dennoch Plätze sichern. In Hamburg angekommen, trafen wir auf die Anderen. Kaum im Zug tauschten sich die Spieler auch schon über die Vorbereitung, die möglichen Gegner, Fußball und vieles mehr aus. Die Hygienemaßnahmen wurden eingehalten. Mit Maske auf und dem nötigen Sicherheitsabstand verlief die restliche Fahrt problemlos, bis auf den einen Regionalzug den wir in Korbach beinahe verpasst hätten. Mit weniger Leuten als sonst war dies auch kein Problem.

Angekommen in Willingen ging es wie immer durch die Anmeldung, aber mit mehr Abstand als sonst. Wir mussten glücklicherweise keine Coronatests machen, da in Schleswig-Holstein die Zahlen im bundesdurchschnitt eher gering waren und es daher kein großes Risiko gab. Angesichts der aktuellen Zahlen haben sich die Veranstalter dazu entschieden, in der zweiten Woche alle zu testen. Doch dazu später mehr. 

Janne und Jonas reisten in Begleitung von Mutter Silke einige Stunden später mit dem Auto an.

Wir belegten unsere Zimmer und trafen uns am Nachmittag  somit erstmals vollzählig in unserem Konferenzraum/ Analyseraum/ Vorbereitungsraum. Wir erhielten unsere T-Shirts mit einem neuen Logo, einem Löwen, und wie immer einer neuen Farbe. Und ja, es ist gelb! Wer gehofft hatte unauffällig zu bleiben, wurde schwer enttäuscht. Bei der verkürzten und leicht angepassten   Begrüßungsfeier konnten wir diese dann erstmals zeigen. Beim Einlauf der Fahnenträger, bei uns mit einem Lied aus König der Löwen, erhielt unser Fahnenträger Taron den mit Abstand größten Applaus. Die Regeln mit Corona wurden erklärt. Zum Beispiel muss im Hotel überall, außer auf den Zimmern, eine Maske getragen werden. Außerdem stehen vor allen Räumen Desinfektionsspender. Weiterhin wurde mitgeteilt, dass der altbekannte Fußballkäfig dieses Jahr nicht aufgebaut werden kann. Sehr zum Bedauern von Keyvan. Anschließend wurde die Meisterschaft für eröffnet erklärt.

Nach der Doping-Info für die U18 und U18w war der Tag für fast alle vorbei. 

Nicht so für Birger, der auf der Delegationsleitersitzung auch die letzten Fragen klärte.

Tag 2 Erster Spieltag

Anders als in den anderen Jahren startete die erste Runde nicht um 8:30, sondern wegen der Coronatests anderer Bundesländer erst um 15:30. Tatsächlich konnten dadurch zwei Teilnehmer das Turnier nicht mitspielen. Sie mussten wohl oder übel wieder abreisen. Doch wer jetzt denkt, dass uns mehr Zeit zur Vorbereitung bleibt, ist weit gefehlt. Erst um 13:30 kamen die Paarungen raus und Bene und ich konnten erstmals unsere Spieler vorbereiten. Janne und Jonas wollten sich selbst vorbereiten, was sie über das gesamte Turnier machten. Somit blieben noch sieben zum Vorbereiten, welche die Vorbereitung gerne und mit Enthusiasmus annahmen. Es ist schließlich für alle eines der wenigen Turniere dieses Jahr. So begann für die Spieler*innen die erste Runde und für uns Betreuer die Zeit des Mitfiebern und Haare raufen. Bene kommentierte die Partien live mit Christof Sielecki.

Jonas konnte gegen einen deutlich stärkeren Gegner nicht die beste Fortsetzung finden und musste sich geschlagen geben. Keyvan wurde seiner Favoritenrolle gerecht und gewann in nur 21 Zügen. Janne spielte eine hervorragende Partie, belohnte sich aber leider nicht und ließ sich Matt setzen.

Die Partien sprachen wir in unserem großen Analyseraum nach. Beachtlich war das Remis von Ornella gegen eine deutlich favorisierte Gegnerin in der U16w. Nach den Partien konnten alle das hervorragende Essen des 4-Sterne Hotels genießen. Besonders beim Nachtisch haben alle kräftig zugeschlagen;) Anschließend ging auch schon die Vorbereitung für die kommende Doppelrunde los.

Ob Drachen-Variante, moderne Verteidigung oder Russisch, es war alles dabei. Einige spielten in unserem Raum Schach, andere nutzten den Freizeitraum, wieder andere nutzten die freie Zeit, um auf den Zimmern die Maske loszuwerden. Für alle, besonders die Spieler*innen waren die Masken eine besondere Herausforderung, da diese praktisch den ganzen Tag getragen werden musste. Kein Wunder also, dass alle immer früh ins Bett gingen und wir keine Probleme mit der Nachtruhe etc. hatten. 

Tag 3 Doppelrunde 

Die Doppelrunde begann früh um 8:30. Die Einzigen, die ausschlafen konnten, waren die Trainer. Dies ist der neuen Regelung zu verdanken, dass nur die Verantwortlichen, Spieler, Schiedsrichter und Delegationsleiter den Spielsaal betreten durften. Eltern und Trainer mussten leider draußen bleiben. Wir verfolgten und kommentierten die Partien im Livestream wieder mit Begeisterung bei gelungener Vorbereitung oder einer schöner Taktik und schlugen die Hände vor dem Kopf zusammen bei dem nächsten Einsteller. 

Jonas spielte eine wunderschöne Partie und setzte nach nur 18 Zügen matt. In der dritten Runde spielte er gegen einen 150 Punkte stärkeren Gegner Remis.

Keyvan gewann auch in der zweiten Runde mit einer guten Angriffspartie. Die dritte Runde verlor er gegen einen nominell schwächeren Gegner aber späteren neuen Deutschen Meister Markus Albert, welcher für die größte Überraschung des Turniers sorgte.

Janne in der Zwischenzeit erspielte sich ihren ersten halben Punkt gegen eine stärkere Spielerin, musste sich am Nachmittag jedoch früh geschlagen geben. 

Die Trainer und Spieler nutzten in der Zeit, wo sie nicht gerade spielten oder vorbereiteten, den Freizeitraum, um Tischtennis, Badminton, Tischkicker oder viele andere Brettspiele auszuprobieren.

Beim Tischtennisturnier konnten Bene und ich den 2. und 3. Platz erzielen. Schade nur, dass nicht mehr Spieler daran teilnehmen konnten, weil die meisten noch spielten. Am Abend sorgte eine karamellisierte Banane bei allen für Erheiterung, da diese nicht sehr gut schmeckte und einen dezent unangenehmen Nachgeschmack hatte. Besonders Keyvan musste sich überwinden, diese zu probieren. Mit etwas würgen gelang es. Ich habe sie selbst probiert und weiß ehrlich gesagt nicht wo das Problem war. Keyvan weiß da bestimmt genaueres.

Tag 4 Vergebene Chancen und Rennrodelbahn

Der vierte Tag begann wie der dritte nach guter Vorbereitung und ausreichend Schlaf. Fast alle der Delegation erspielten sich einen kleinen oder großen Vorteil aus der Eröffnung. Aber nicht alle konnten ihren Vorteil in einen Sieg umwandeln. Darunter waren auch Keyvan, der seine Eröffnung überreizte, und Janne, die eine Taktik nicht gewinnbringend verwerten konnte. Jonas verwandelte seinen Mehrbauern hingegen mit guter Technik in einen Sieg.

Am Nachmittag versammelten sich alle zu einem Gruppenfoto mit den gelben Löwen auf den 

T-Shirts. Danach besprachen wir die Pläne für den Nachmittag. Die Wahl fiel auf die Rennrodelbahn, die wir kurze Zeit später auch erreichten. Alle fuhren mindestens ein Mal und es entbrannte die Diskussion darüber, wer denn am Schnellsten gefahren wäre. Ich glaube das Messgerät war kaputt, denn ich war es nicht. Nach einem Eis wurde dann wieder geblitzt und Tandem gespielt und ein noch zartes „Schach du Affe“, angelehnt an unser Motto auf den T-Shirts, wurde hin und wieder angebracht. Der Tag ging mit der Vorbereitung auf die fünfte Runde zu Ende.

Tag 5 Zweite Doppelrunde und Corona

In der fünften Runde kam es zu der ersten schleswig-holsteinischen Paarung, Frido gegen Jonas. Bei gleich drei Teilnehmern in der U14 nur eine Frage der Zeit. Jonas von der Wertungszahl her favorisiert, spielte jedoch mit Schwarz und konnte sich keinen gewinnbringenden Vorteil erarbeiten. So einigten sie sich auf Remis. Bei Keyvan stand das Jänisch-Gambit auf dem Brett. Im Turmendspiel verwandelte sich der Trippelbauer in eine zu große Schwäche und Keyvan gewann.

Janne hatte spielfrei. In der Nachmittagsrunde zeigte Janne (2,5/6) nach einem Bauerngewinn gutes Angriffsschach und fuhr ihren ersten Sieg ein. Jonas Gegner lief in die Vorbereitung und stand schnell sehr schlecht. Kurz darauf beendete Jonas die Partie mit einem Figurenopfer. Keyvan hingegen spielte die Eröffnung nicht gut und stand lange Zeit auf Verlust. Doch er kämpfte noch lange und fand im Turmendspiel schließlich den Weg ins Remis. Damit ist die Ausgangslage von Jonas (4/6) und Keyvan (3,5/6) optimal, um noch in die Top 10 vorzustoßen. Abends wurden fleißig Rätsel bei der Rallye gelöst und bei der Schacholympiade Punkte gesammelt. Beim Blitzen innerhalb der Delegation fiel immer mehr ein starkes „Schach du Affe“. Es eskalierte soweit, dass wir die Regel aufstellten: Wer bei Schach nicht „Schach du Affe“ sagt, verliert. So musste jetzt auch IM Bene ein paar seiner Partien aufgeben.

Hinter den Kulissen ging es derweil drunter und drüber. Birger hatte alle Hände voll zu tun. War das leichte Unwohlsein eines Spielers noch Kleinkram, musste aufgrund der steigenden Coronazahlen und der damit verbundenen Regelung, dass alle in der kommenden Woche (U10 und U12) getestet werden müssen, mit Veranstaltern, Trainern und besorgten Eltern noch so einiges geklärt werden.

Beispielsweise die Frage, wie man nach einem positiven Test wieder nach Hause kommt.

Tag 6 Finale und Siegerehrung

Am letzten Spieltag gab es in der U18w das zweite interne Duell zwischen Alexandra und Janne.

Alexandra setzte sich hier als Favoritin durch und kam damit noch mit 4 Punkten auf den 7. Platz.

Janne schloss damit das Turnier mit 2,5/7 Punkten ab. In der U14 bahnte sich eine Überraschung an. An den ersten beiden Brettern vergaben die Führenden mit DWZ über 2100 ihre Chancen auf den Gesamtsieg und spielten sehr schnell Remis. Keyvans Gegner aus der dritten Runde Markus Albert, bis dahin mit 5/6, nutzte das und gewann die letzte Runde und den Deutschen Meistertitel mit einer DWZ von nur 1791. 

Keyvan spielte in der letzten Runde Caro-Kann und gewann nach hartem Kampf. Ein hervorragender Abschluss für Keyvan mit 4,5/7 und dem achten Platz. Jonas spielte mit Weiß auch gegen Caro-Kann musst aber gegen einen deutlich stärkeren (über 2150) Gegner die Waffen strecken. Auch Jonas hat ein tolles Turnier gespielt, seinen Setzlistenplatz deutlich verbessert (25->13) und schönes Schach gezeigt. Insgesamt war es ein schönes und sehr erfolgreiches Turnier für alle Schleswig-Holsteiner.

Janne, Jonas und Keyvan fuhren nach den Partien bereits mit dem Auto nach Hause. Ich blieb noch zur Siegerehrung und fuhr am nächsten Tag mit den anderen im Zug zurück nach Kiel. Diese verlief reibungslos. Die Siegerehrung, wieder in gelb, hatte das 50 jährige Jubiläum der DSJ zum Thema. Es gab Kondischach U14 und U14w mit GM Sebastian Siebrecht, der gleichzeitig kommentierte. Neben der Ehrung der Sieger (Glückwunsch an alle), gab es noch ein Quiz der U18 gegen die U18w mit dem Jubiläum zum Thema. Obwohl dies spannend klingen mag und zum Teil auch war, wurde die Siegerehrung, sehr zum Bedauern aller in der Delegation, in die Länge gezogen und dauerte über 2 Stunden obwohl nur die Hälfte der Leute da war. 

Abgesehen davon war die erste Hälfte diese besonderen Deutschen Meisterschaft ein voller Erfolg.

Es hat allen Teilnehmenden sehr viel Freude gemacht.

Am letzten Abend war die Bettruhe etwas gelockert und es wurde noch viel Schach und Widerstand gespielt. Einer der Spieler (Soll ich Namen nennen?) meinte am nächsten Tag, er habe im Schlaf laut „Widerstand“ und „Schach du Affe“ gerufen. (Wir haben bereits ein eigenes Logo;))

Für mich war dies meine dritte DEM und meine Erste als Trainer. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht. Es waren weniger Leute da als in den vorigen Jahren. Es sind einige Aktionen weggefallen. Diese wurden aber durch andere ersetzt. Hier hat das Freizeitteam ganze Arbeit geleistet, sich Alternativen einfallen zu lassen und umzusetzen. In unserer kleineren Delegation ging es sehr harmonisch zu und alle konnten sich gut kennenlernen. Besonders dadurch, das zum Beispiel der Analyseraum deutlich mehr genutzt wurde. Die DEM ist für alle Jugendspieler sehr zu empfehlen. Ich würde gerne nächstes Jahr wieder die U25 mitspielen.