Es war zwar knapper als gewohnt, nichtsdestotrotz schaffte unsere erste Jugendmannschaft unter die ersten sechs der letzten Jugendbundesligasaison und hat somit weiterhin das Privileg, in der Jugendbundesliga antreten zu dürfen. Was damit allerdings auch verbunden sein kann, zeigte sich bereits am ersten Spieltag: 3,5 Stunden Schach standen rund 8 Stunden Fahrt- und Wartezeiten gegenüber. Dementsprechend sind die folgenden Zeilen insbesondere auch ein Reisebericht, wobei natürlich der schachliche Teil nicht zu kurz kommen soll.

Morgens früh um halb sieben trafen sich also drei Rempes (Jonas, Janne und Mieke), ein Debütant, der bereits Bundesligaerfahrung gesammelt hatte (Lukas N.), sowie zwei beinahe 2400er (Emil und ich) am Kieler Bahnhof. Die Hinfahrt verlief weitgehend problemlos - eine kleinere Verspätung wurde durch die großzügige Umstiegszeit aufgefangen - und es fanden sich immer wieder interessante Gesprächsthemen; nur ein Beispiel ist die (immer noch nicht abgeschlossene) Diskussion, wer wohl der beste japanische Schachspieler aller Zeiten war. Für sachdienliche Hinweise wären wir sehr dankbar! Auch ein Kuriosum trug sich zu: Während wir unsere Sitzplätze im Zug von Hamburg nach Bremen suchten, liefen wir an der Jugendbundesligamannschaft des HSK vorbei. So bekamen Emil und ich namhafte Konkurrenz um den Titel "Bester Schachspieler im IC 2023, Wagen 6", vermutlich hätte Luis Engel in einem Kräftemessen sogar knapp die Nase vorne.

In Delmenhorst angekommen fanden wir das Spiellokal dank der Erfahrung aus dem letzten Jahr problemlos. Unsere Gegner spielten mit einer stark ersatzgeschwächten Mannschaft, sodass sich die eigentliche Favoritenrolle umkehrte und wir nunmehr einen knappen DWZ-Vorsprung aufweisen konnten. Mieke und Janne konnten diesen Vorteil allerdings nicht in volle Punkte umsetzen, nach etwas mehr als zwei Stunden wurden an den Brettern 5 und 6 die Punkteteilungen vereinbart. Jonas hatte sich mal wieder auf den König seines Gegners gestürzt, musste dafür aber einige Schwächungen in der eigenen Stellung hinnehmen. Eventuell wäre bei einer präziseren Angriffsführung mehr drin gewesen, in der Partie jedoch kam Jonas in ein sehr schlechtes Endspiel und beendete die Partie durch einen Einsteller sofort. Emil und ich waren ebenfalls nicht sehr erfolgreich gewesen und hatten mit den weißen Steinen aus der Eröffnung heraus nur schlechtere Endspiele erreichen können. Einziger Lichtblick war Lukas, der seinen Gegner aus einer ausgeglichen wirkenden Stellung überspielte. Zuerst konnte er einen Bauern einsacken, sein Gegner wollte das nicht einsehen und warf eine Figur hinterher. Die beabsichtigte Taktik funktionierte aber nicht wie geplant, sodass Lukas den Mehrläufer zu einem sicheren Sieg in seinem ersten Mannschaftskampf als Kieler verwertete. Ich hatte unterdessen zum Glück irgendwann aufgehört, schlechte Züge zusätzlich noch langsam zu spielen. Über die Qualität der Züge kann man wohl streiten, aber mit etwas Hilfe meines Gegners verflachte die Stellung und als die Zeitkontrolle erreicht war, hatte keine Seite mehr realistische Gewinnchancen. Nun kämpfte als einziger noch Emil. Sein Gegner hatte wohl einige gute Gelegenheiten ausgelassen, die ihn in Vorteil gebracht hätten. In einer ungefähr ausgeglichenen Stellung wollte er aber nicht einsehen, dass die Partie remis ausgehen sollte. Emil nahm das Geschenk gerne an und wenig später war die schwarze Stellung nicht mehr nur schwer zu spielen, sondern glatt verloren. Nach 3,5 Stunden und einem letzten Trick, der mit Leichtigkeit abgewehrt wurde, hatten wir unseren ersten Saisonsieg eingefahren, der 3,5:2,5-Erfolg reicht aktuell sogar zum geteilten 2. Platz. Wer weiß, vielleicht spielen wir diese Saison doch oben mit :)

Die Freude über den Sieg war für die Rückfahrt auch bitter nötig. 40min Wartezeit am Bahnhof in Heidkrug, der nicht viel größer als eine übliche Bushaltestelle war, wurden gefolgt von 50min in Bremen und - zumindest für den größten Teil der Mannschaft - weiteren 40min in Hamburg. Doch irgendwann war auch dieses Abenteuer vorbei, alle Spieler wieder zuhause und die zwei Mannschaftspunkte gesichert. In der nächsten Runde geht es gegen Lehrte, allerdings in unserem Spiellokal. Neben dem Vorteil einer kürzeren Anfahrt hat dies wohl auch den Nachteil von weniger amüsanten Anekdoten, ich bin noch unentschlossen, was mir lieber ist.